Montag, 23. Februar 2026

Keine Himmelsleiter, nirgends

Foto: Peter Otten
"Für mich ist der Aspekt der Spiritualisierung der sexuellen
und sexualisierten Gewalt in der Kirche besonders schrecklich. Weil ich andererseits um die Kraft des Spirituellen weiß. Ingo und viele, viele andere Betroffene hat die Spiritualität, haben Gebete, Worte, die als Trost und Lebenselexier gedacht sind, Geschichten der Bibel, die trösten, helfen und aufrichten in eine tödliche Falle geführt." Gedanken zur Wiederaufnahme der Ausstellung "Die Mauer" in Sankt Gertrud.

Von Peter Otten 

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Herzlich willkommen! Ich freue mich sehr, dass Sie da sind. Und ich freue mich sehr, dass die Idee, die uns bei Ingo Ervens Beerdigung im letzten Jahr gekommen ist, nämlich die Ausstellung noch mal an diesem Ort hier zu zeigen wahr geworden ist.

Bei Ingos Beerdigung habe ich erzählt, wie ich ihm zum ersten Mal begegnet bin. 2022 war das, die Ausstellung war fertig, ich stand mit meinem Handy in der Mitte der Kirche und filmte diese Szene mit der Schreibmaschine. Und als ich mein Handy nach rechts geschwenkt habe, weil ich festhalten wollte, wie sich der Film auch auf der rauen Betonwand der Kirche abbildet läuft ein Mann durchs Bild, ein großer Mann, ein Riese. Es ist der Moment, in dem ich Ingo zum ersten Mal begegne. Und an einer Leine führte er Benny, seinen kleinen Hund.

Sonntag, 16. November 2025

Auferstehung vom Sterben

Wo Menschen ein Licht auf einen Leuchter stellen, beginnt die Erzählung der Auferstehung aus dem Sterben. Gedanken zum Requiem von Gabriel Fauré in der Kölner Agneskirche am 16. November 2025.

Von Peter Otten

Heute singen und hören wir eine Totenmesse. Totenmessen sind nicht mehr selbstverständlich. Trauerfeiern finden heute  meistens in der Trauerhalle statt. In Köln dürfen sie nicht länger als 30 Minuten dauern, es sein denn, die Angehörigen bezahlen die doppelte Gebühr. Besonders traurig sind Trauerfeiern ohne Angehörige. Das kommt nicht selten vor. Der Verstorbene ist sehr alt geworden, seine Freunde sind schon lange tot, vielleicht ist er oder sie verwitwet, keine Kinder da. Oder Menschen sind vereinsamt in ihrer Wohnung verstorben.

Wenn es möglich ist hänge ich in diesen Fällen an die Haustür des Hauses, in dem der Mensch zuletzt gewohnt hat einen Zettel und lade die Nachbarn zur Beerdigung ein. Noch nie ist niemand gekommen. Meistens freuen sich Nachbarinnen und Nachbar. „Ich hab mich gefragt, was mit der Dame passiert ist“, sagte mal eine. „Die Polizei hat mir nichts gesagt. Jetzt kann ich mit der Geschichte abschließen.“

Sonntag, 26. Oktober 2025

...dass ich nicht so bin, wie der da

Vielleicht ist das die Pointe: Der Pharisäer könnte vom Zöllner lernen, was Demut ist. Mut zum Dienen, zur Dienstbarkeit. Zum Anerkennen der eigenen Zerbrechlichkeit. Der Zöllner vom Pharisäer, was Struktur ist und wie gut sie tut. Zusammen wären sie – ein normaler Mensch. Gedanken zum Severinusfest am 26. Oktober in St. Severin, Köln

Von Peter Otten 

Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu Reliquien. Mein
Dogmatikprofessor an der Uni – sicher kein Liberaler – hat damals gesagt: „Knochen gehören unter die Erde. Auf den Friedhof.“ Ich fand damals, da hatte er recht.

Die Goldene Kammer in St. Ursula – mit all den Knochen in Gold und Prunk – ist mir fremd. Und dieser Hype um den armen Carlo Acutis neulich – der heilige Teenager mit der Website über Eucharistiewunder – ich gebe zu, ich fand das eher befremdlich.

Und trotzdem. Trotzdem rühren mich Geschichten von Wallfahrtsorten. In Biesfeld, dem kleinen Dorf im Bergischen Land, wo ich herkomme, haben Menschen im 17. Jahrhundert angeblich eine Pietà in einem Baum gefunden. Und die Bauern haben dieser Pietà eine Kapelle gebaut. Später sogar eine Kirche. Das berührt mich. Weil es so menschlich ist. So vollkommen unvernünftig auch. Und diese Geschichten wiederholen sich ja. Auch heute tauchen bei uns in der Agneskirche plötzlich Gipsmadonnen auf. Rosenkränze. Kruzifixe. Einfach abgestellt. Anonym. Vielleicht, weil die Oma gestorben ist, und keiner weiß, wohin mit dem alten Glauben. Und irgendwer denkt sich: „Die Katholiken – die sollten schon wissen, was man damit macht.“

Freitag, 19. September 2025

Anonyme Katholiken lösen Sudoku

Jetzt hat Papst Leo ein Interview gegeben. Was steht drin? Wie immer bei Päpsten: Große Gesten, null Veränderung. Was sollten Katholiken jetzt machen? Besser nicht wieder jedes päpstliche Wort auf die Goldwaage legen. Wie wärs mit einer Selbsthilfegruppe? Oder wenigstens mit einem ehrlichen Sudoku?

Von Peter Otten 

Jetzt hat Papst Leo ein Interview gegeben. Es ging um die üblichen Themen: Homosexualität, Segnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen, Frauen in der Kirche. Und wie immer: große Gesten, kleine Worte, null Veränderung. Was sagt Leo im Interview zum Thema Missbrauch? Kein "zentrales Thema" während seines Pontifikats. Ach so. Verzeihung.

Mittwoch, 12. März 2025

Für die Menschen bestellt

Foto: Katharina Menne
Michael Paetzold hatte kein Bischofswappen nötig, um "für die
Menschen bestellt" zu sein. Er war es einfach, mit jeder Faser seines Körpers, ein ganzes Leben lang. Wenn Franz Meurer die eine Herzkammer und die eine Gehirnhälfte von HöVi ist, ist Michael Paetzold die anderen  beiden gewesen. Ich bin unfassbar bestürzt und traurig darüber, dass er nun nicht mehr da ist.

Von Peter Otten

Vor einigen Jahren lag ich mit einer rätselhaften Herzerkrankung im Krankenhaus. Michael Paetzold hatte einen Rettungswagen angefordert, obwohl seine Praxis nur zwei Steinwürfe vom Krankenhaus Kalk entfernt ist. Ich hatte eingewandt: "Michael, so ein Aufwand! Ich kann doch eben rübergehen!" Aber das kam für ihn selbstverständlich nicht infrage. Kein Aufwand war ihm zu groß, wenn es um das Wohl der Menschen ging, die im anvertraut waren. Dazu zählten seine Patienten, denen er sich mit bewundernswerter Aufmerksamkeit zuwandte. Und deswegen tauchte er auch bei mir auf der Intensivstation in Kalk auf, als es draußen schon dunkel wurde. Und nicht nur einmal. Dazu zählten auch und vor allem die Menschen in HöVi, deren Pfarrgemeinderat er gefühlt leitete, seit er laufen und denken konnte. Wenn Franz Meurer die eine Herzkammer und die eine Gehirnhälfte von HöVi ist, ist Michael Paetzold die anderen beiden gewesen. Was für ein menschlicher, fachlicher und spiritueller Verlust. Welch ein großes unglaubliches Geschenk ist er für uns gewesen. Welch ein Vorbild für alle, auch für mich. Ein Mensch mit tiefen Vertrauen in das Gute des Menschen und darauf, dass sie von Gott gehalten sind, komme was da wolle.

Sonntag, 9. März 2025

Dem Gefangenen Freiheit

Foto: Peter Otten
Dem Gefangenen Freiheit. Wie kann  es sein, dass es in der Kirche immer noch Menschen gibt, die das Gegenteil tun? An Ihrer Hand konnte Ingo laufen. Gedanken
anlässlich der Trauerfeier für Ingo W. Erven am 8. März 2025 im Ruheforst Hümmel.

Von Peter Otten

Ich werde diesen Moment nicht vergessen. Mitten durch St. Gertrud ist ein Drahtseil gespannt. Darüber hängt ein Gaze-Stoff. Auf dem Stoff ist eine mechanische Schreibmaschine zu sehen. Klickernd und klackernd schlagen die Buchstaben der Schreibmaschine durch ein Farbband auf die Walze. Die Geräusche hallen in dem dunklen Raum nach. Nach und nach wächst auf dem Papier ein Text. Ist die Walze von rechts nach links gelaufen schiebt eine Hand sie wieder auf die Anfangsposition. Eine neue Zeile entsteht. Manchmal unterbricht eine kurze Stille das Klackern. Dann muss die Hand einen Buchstaben wieder lösen, der sich auf der Walze verklemmt hat. Ist die Seite vollgeschrieben beginnt der Film von vorn. Tschak-tschaka-di-tschaktschak-di-tschaka. Als ich vor über drei Jahren die Kirche betrete und diese Szene sehe habe ich wie in Trance mein Handy gezückt. Und als ich mein Handy nach rechts geschwenkt habe, weil ich festhalten wollte, wie sich der Film auch auf der rauen Betonwand der Kirche abbildet läuft ein Mann durchs Bild, ein großer Mann, ein Riese fast, so kommt es mir vor. Es ist der Moment, in dem ich Ingo zum ersten Mal begegne. Und an einer Leine führt er Benny, seinen kleinen Hund.

Freitag, 14. Februar 2025

Eine kleine Wärmeskulptur

Endlich nicht mehr dürsten - nach Liebe, nach Anerkennung.
Das ist das Versprechen Gottes. Wie schön wäre es, er würde es halten. Heute versuchen wir
im Gottesdienst, gemeinsam diesem Versprechen zu trauen. Ein hier leicht verändertet Text anlässlich der Beerdigung von Emil M.

Von Peter Otten

Was wünscht sich ein zwölfjähriger Junge 1959 in Österreich? Ich vermute, da hat sich gar nicht so viel verändert zu heute. Fußballspielen, mit dem Vater in den Bergen kraxeln, in der Sonne liegen, ein Eis essen, anfangen die Mädchen zu mögen. "Irgendwo auf der Welt gibts ein kleines bisschen Glück. Und ich träum davon in jedem Augenblick" - vielleicht einfach das, was Klaus gerade gesungen hat. Vieles spricht dafür, dass es dem jungen Emil auch so gegangen ist.